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Home Culture

Amazing Grace: Grace Jones im Porträt

by Michael Rechsteiner
12. Oktober 2026
in Culture
Amazing Grace: Grace Jones im Porträt

Sie hat den Ruf, immer zu spät zu kommen. Dabei ist sie einfach ihrer Zeit voraus. Grace Jones sagt über sich: „Ich betrachtete mich selbst als Energie, die noch nicht klassifiziert worden ist.“ Vielleicht braucht es also ein Physikstudium, um dieser Künstlerin gerecht zu werden. Haben wir leider nicht. Wir blicken trotzdem zurück auf eine Karriere, deren Zukunftsmusik noch längst nicht ausgespielt hat.

Dieser Sommer war heiß und voll mit schlechten Nachrichten. Darum reichen wir als kleinen Lichtblick nach: Grace Jones zieht auf der Bühne noch immer ihr Top runter und doesn’t give a fuck, was die Welt darüber denkt. Dieselbe Aktion soll ihr 2008 bei einem Konzert in Walt Disney World angeblich ein lebenslanges Hausverbot in sämtlichen Vergnügungsp.rken der Micky Maus eingebracht haben. Denn für das Spie.bürgertum und deren Vergnügungsfabriken war Grace Jones schon immer furchteinflößender als eine böse Zauberin, die in ihr eigenes Spiegelbild verknallt ist, oder eine kettenrauchende Millionärin, die einen Pelzmantel aus Dalmatinerbabys will. Selbst Karl Lagerfeld und Arnold Schwarzenegger kriegten Knie aus Pudding, wenn Jones den Raum betrat und diesen bis zur hintersten Ecke mit ihrer Aura füllte. In jede Aufgabe wirft sie sich mit der Intensität eines Gladiators, der in der Arena um Leben und Tod und den Jubel des Publikums kämpft. Der fabelhafte Aufstieg der Grace Jones ist nicht jugendfrei – und wird deshalb zum Glück nie als Disney-Märchen taugen.

Vor einem Auftritt bei, auweia, „Wetten das… ?“, 1985.
Sieht besser im Cape aus als Superman: Grace Jones, 1977.

FASHION FURIOUS
Es war einmal… in Spanish Town, Jamaika. Ihre Kindheit auf der Insel beschrieb Grace Jones einst lakonisch mit: „Lies die Bibel, werde verprügelt.“ Ihre Eltern waren in die USA ausgewandert, großgezogen wurden Grace und ihre Geschwister von einem Stiefgroßvater, der den Kindern das Wort Gottes mit eiserner Hand einzubläuen versuchte. Im Teenageralter folgte Jones ihren Eltern nach Amerika und nahm das Versprechen vom „Land of the Free“ beim Wort. Zeitweise lebte sie in einer Nudistenkolonie und in der Entourage der Hell’s Angels. Doch schnell merkte Jones, dass in den Vereinigten Staaten der Sechzigerjahre die Freiheit für Menschen wie sie Grenzen hatte. Ihre Versuche, in New York als Model durchzustarten, schienen zwecklos: zu schwarz, zu männlich, zu unangepasst. Amerikas Modefotografie war damals so wild wie die Plätzchenteig-Spritzer auf einer Kochschürze. Mit Jones drohte ein karibischer Hurrikan, die komplette Küche abzureißen. Für einige Zeit hielt sich Grace als Go-Go-Tänzerin über Wasser, bevor sie den Sprung übers Meer wagte. In Paris landete sie in der wahrscheinlich ikonischsten Wohngemeinschaft der Modegeschichte zusammen mit Jerry Hall und Jessica Lange. Bald waren im Pariser Nachtleben nicht mehr die Lichter des Eiffelturms das größte Spektakel der Stadt, sondern die Party-Eskapaden von Jones. Die Exzesse in den Clubs lebte Grace auch vor der Kamera aus. Im Fotostudio war sie nicht die gehorsame Gelenkpuppe, wartend auf die Befehle der FotografInnen. Das Model mit Wangenknochen, so gefährlich wie fliegende Pfeilspitzen, diktierte ihre Posen, dominierte Shootings durch Aggressivität und Eleganz. In Frankreich eroberte Grace die Titelseiten von Vogue und Elle. Und bei ihrer Rückkehr nach Manhattan den Rest der Welt.

Grace Jones bei der Filmpremiere von „Studio 54“ im Jahr 1995
Mitten im Nackt-, äh, Nachtleben von Manhattan, 1978.

54 UND 007

Zurück in New York City reichten die Seiten von Modemagazinen nicht mehr aus, um die Talente von Grace Jones abzubilden. Im Nachtclub Studio 54, wo sich ihre Wege (und weißen Linien auf dem Glastisch) unter anderem mit Salvador Dalì, Andy Warhol und Debbie Harry kreuzten, begann Jones ihre Gesangskarriere. Die Musik war ein glühender Schmelztiegel aus Disco, Reggae und New Wave, abgekühlt mit einem Guss französischer Raffinesse. Doch nicht nur der innovative Sound auf Alben wie „Warm Leatherette“ (1980), „Nightclubbing“ (1981) und „Slave to the Rhythm“ (1985) machte Grace zur globalen Pop-Ikone. Gemeinsam mit dem Fotografen – und zeitweise Liebhaber – Jean-Paul Goude entwickelte sie für die Plattencover eine Bildsprache, die das Model wie eine Skulptur wirken ließen, die von einer weit überlegenen außerirdischen Rasse für uns zur Bewunderung zurückgelassen wurde. Modedesigner wie Issey Miyake, Claude Montana und Azzedine Alaïa standen nun bei Jones an wie die Weisen aus dem Morgenland – bereit, ihr die ausgefallensten Outfits darzubieten. New York City lag Grace Jones zu Füßen. Also nahm sie Hollywood in den Schwitzkasten. Trainiert von Bodyguard / Karatetrainer / neuem Boyfriend Hans „Dolph“ Lundgren fauchte sie im Action-Epos „Conan the Destroyer“ (1984) Arnold Schwarzenegger an und legte Roger Moore im James-Bond-Film „A View to a Kill“ (1985) flach. Im Kult- Horrorstreifen „Vamp“ (1986) schlüpfte sie zurück in die Rolle einer Go-Go-Tänzerin, diesmal in einem Bodypainting von Popart-Künstler Keith Haring. Doch mehr noch als von ihm gezeichnet, war Grace Jones Ende der Achtzigerjahre vom Leben. Die AIDS Pandemie hatte einen großen Teil ihres Freundeskreises und kreativen Umfelds getötet. Alkohol- und Drogeneskapaden fingen an, sich auf die psychische und physische Gesundheit der Künstlerin auszuwirken. Die Trennung von Dolph Lundgren vollzog sie mit gezückter Pistole. Abkühlung von der Hitze all dieser Gefechte fand sie unter anderem dort, wo alles begann: Spanish Town, Jamaika.

Hut ab am Comedy-Filmfestival von Vevey, 1989.

LIVE GOES ON
Zum Glück endet diese Geschichte nicht mit „… happily ever after“. Denn ihr letztes Kapitel scheint noch nicht geschrieben. In den vergangenen Jahren tankte Jones immer wieder neue Kraft in ihrer alten Heimat, veröffentlichte unter anderem das grandiose Spätwerk „Hurricane“ (2008). Künstlerinnen wie Lady Gaga, Beyoncé und Róisín Murphy verneigen sich vor Grace Jones, auch wenn sie die rohe Urkraft dieses perfekten Wirbelsturms aus Mode, Musik und Dekadenz nie ganz erreichten. Brauchen sie auch nicht. Denn dem Original ist bis heute nicht die Luft ausgegangen. In diesem Sommer drehten die Konzerte von Grace Jones – inklusive noch unveröffentlichter Songs! – die Zeit zurück. Aber auch vorwärts. Denn Grace Jones ist weder Vergangenheit noch Zukunft. Sie ist Energie, die noch nicht klassifiziert worden ist und uns einen völlig neuen kreativen Kosmos eröffnet hat.

GRACE JONES – I’LL NEVER WRITE MY MEMOIRS

Zum Glück hat sie gelogen. Eine Zeile aus ihrem Song „Art Groupie“ bildet den Titel von Grace Jones’ Autobiografie. Wirkt sie in ihrer Kunst so rätselhaft wie eine Sphinx unter der Discokugel, lüftet Jones in ihren Memoiren manches Geheimnis. Der Trip führt von der Kirchenbank auf Jamaika in die Fotostudios von Paris und zu den Dancefloor-Exzessen Manhattans. 2026 feiert das Buch sein zehntes Jubiläum und liest sich noch immer so faszinierend wie das Epos von einem anderen Stern. 
Grace Jones & Paul Morley, „I’ll Never Write My Memoirs“, 400 Seiten, ca. 20.–, simonandschuster.com

Grace Jones geht mit der Zeit und ist tatsächlich auf Instagram.

Fotos: © pa picture alliance (dpa)

Wen wir ebenfalls für ikonisch halten? Jane Fonda.

Tags: Grace JoneshomepageStyle Icon
Michael Rechsteiner

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