Rom mag die Ewige Stadt sein. Doch Italiens ewiger Star ist Sophia Loren. Ein neuer Bildband zeigt das Leben der Kino-Ikone. Und wir versuchen, ein paar würdige Worte dafür zu finden.


„Wenn man im Filmgeschäft anfängt, mein Gott! Es ist, als würde man sich auf ein Schlachtfeld stürzen, weil man nicht weiß, wo man am Ende landen wird“, gab Sophia Loren 1974 einem englischen Reporter zu Protokoll. Ein Vierteljahrhundert hatte sie damals bereits auf diesem Schlachtfeld verbracht. War über Landesgrenzen gestürmt. Wurde am Herzen verwundet. Mit reicher Beute belohnt. Und gelandet war sie: ganz oben. Inzwischen mag Sophia Lorens Flagge nicht mehr über Hollywood wehen. Doch einen späten Triumphzug vermag Italiens größte Schauspielerin noch immer zu lancieren. La Lorens martialisches Lamento in der britischen Presse war nicht das Selbstmitleid einer Drama Queen. Sondern die Zwischenbilanz einer Kämpferin, die sich durch bittere Armut und echte Kriegswirren zur Leinwandheldin geschuftet hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag Italien in Ruinen – und mit dem Land seine Filmindustrie. Der künstlerische Fokus verschob sich zwangsläufig auf einfache Geschichten, direkt aus dem Alltag, lebensnah mit der Kamera eingefangen. Regisseure wie Vittorio De Sica begründeten so ein Zeitalter des cineastischen Neorealismus, der schon bald NachahmerInnen in Frankreich und den USA fand.



Auch im Leben von Sophia Loren hatte der Krieg Spuren hinterlassen. Ihr Heimatort, die Hafenstadt Pozzuoli, ist Katastrophen gewohnt. Liegt er doch am Fuße des Vesuvs und wurde im 16. Jahrhundert von einem Vulkanausbruch fast ausgelöscht. Doch nun regnete es Bomben der Alliierten und das kleine Mädchen verharrte bis zu ihrer Flucht nach Neapel oft mit ihrer Mamma in Luftschutzkellern. Dort wurde die achtjährige Sophia von herabfallenden Trümmern verwundet. Bis heute erinnert eine Narbe an ihrem Kinn daran. Nach Kriegsende führte Sophias Weg aus den Bunkern direkt auf die Laufstege. Ihre Mutter, die 1932 einen nationalen Greta-Garbo-Lookalike-Contest gewonnen hatte und darauf selbst beinahe mit einer Zehenspitze in Hollywood stand, ermutigte die Teenagerin zur Teilnahme an Schönheitswettbewerben, die im Nachkriegsitalien wie Rosen aus den Trümmern sprossen. Und auch wenn „40-jähriger Beauty-Contest-Juror entdeckt 16-jährige Teilnehmerin” kein guter Start für eine Lovestory ist, geht unsere Geschichte genau so weiter.



Verbotene Liebe
Carlo Ponti war ein hervorragend vernetzter Filmproduzent, als er bei der Wahl zur Miss Italia 1951 nicht nur nach einer Schönheitskönigin, sondern möglichen Leinwandtalenten Ausschau hielt. Am Ende des Abends strahlte das Krönchen zwar nicht auf dem Haupt von Sophia. Doch Ponti war entschlossen, ihr ein noch viel größeres Reich zu Füßen zu legen. Es folgte eine zunächst professionelle und bald schon romantische Verbindung zwischen den beiden. Ponti zog zwar im Hintergrund die Fäden, eine Marionette war Loren deswegen nicht. Filme wie „L’oro di Napoli“ und „Aida“ machten sie zum nationalen Star – einer, der im arthousigen Kleinod ebenso brillierte wie im opulenten Historienfilm. In „La ciociara“ stellte sich Sophia ihrem Kindheitstrauma und spielte eine Mutter, die ihr Kind im Schrecken des Zweiten Weltkriegs aufzieht. Die Intensität ihrer Darbietung schlug Wellen bis nach Los Angeles: Als erste Person gewann Sophia Loren den Oscar für eine nicht englischsprachige Rolle. Das Schlachtfeld war endgültig zum roten Teppich geworden.


Großes Drama beschränkte sich nicht nur auf Zelluloid. Ponti war zum Zeitpunkt seiner Liaison mit Loren mit einer anderen Frau verheiratet, eine Scheidung zu dieser Zeit in Italien nur schwer durchsetzbar. Die Schauspielerin war kurz davor, mit ihrem Co-Star Cary Grant durchzubrennen, als ihr Carlo einen Heiratsantrag machte. Der Produzent nutzte ein bizarres juristisches Schlupfloch: Bei einer sogenannten „mexikanischen Hochzeit“ gaben sich zwei Anwälte in Mexiko als Platzhalter für Loren und Ponti das Ja-Wort, um die Ehe vor einem Gericht zu legitimieren. Italiens Gesetzgebung kassierte den Trick, erst Jahre später traute sich das Paar offiziell, nachdem es die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Ob wenigstens die zwei mexikanischen Anwälte gemeinsam ihren Lebensabend verbrachten, ist nicht überliefert.


Das große Finale
In den Sechzigerjahren avancierte Loren im europäischen und amerikanischen Kino zum Inbegriff der donna appassionata, fernab vom Klischee einer Nudelholz schwingenden Furie. Ihre Portraits selbstbewusster Frauen transzendierten Gesellschaftsklassen. Von der notleidenden Arbeiterin bis zur hochlebenden Adeligen verkörperte die Italienerin komplexe Charaktere, die vom Leben gezeichnet waren, sich aber nie den Stolz wegradieren ließen. Diese Haltung bewahrte Loren auch abseits der Schauspielerei – beispielsweise als sie 1982 wegen Steuerhinterziehung für 17 Tage ins Gefängnis musste. Wovon sich andere Karrieren nicht mehr erholt hätten, hinterließ in der Vita von Sophia keine Kratzer. Stattdessen wurde diese nur noch weiter vergoldet, als Loren neun Jahre später ein zweiter Oscar für ihr Lebenswerk verliehen wurde. Doch abgeschlossen war ihre Laufbahn damit noch längst nicht. 2020 gab die 86-Jährige im Film „La vita davanti a sé“ in der Rolle einer ehemaligen Sexarbeiterin eine späte Glanzvorstellung. Als Regisseur hinter der Kamera: Sohn Edoardo Ponti, dessen Vater 2007 verstorben war.


Sophia Loren hat das Schlachtfeld überlebt. Jetzt ist sie die letzte ihrer Generation. Claudia Cardinale, Monica Vitti, Gina Lollobrigida und – jenseits der italienischen Grenze – Brigitte Bardot landeten in den vergangenen Jahren in jenen „In memoriam“-Gedenkvideos, mit denen sich die Filmbranche im vergangenen Glanz seines goldenen Zeitalters sonnt. Sophia Loren aber blickt noch immer voran; in ihrem Genfer Apartment soll sie gemeinsam mit Edoardo Drehbücher prüfen und nach einer letzten großen Rolle Ausschau halten. Deshalb sagen wir nicht „Arrivederci“, sondern „Grazie mille e a presto“.


Sophia by Eisenstaedt
Unzählige Kameras haben sie eingefangen. Doch vor Alfred Eisenstaedts Linse war Sophia Loren frei. Fast 20 Jahre lang begleitete der Fotograf vom Life Magazin die Italienerin auf ihren beruflichen und privaten Unternehmungen. Dieser prächtige Bildband zeigt größtenteils unveröffentlichte Aufnahmen aus einer Zeit, in der die Schauspielerin im Glamour schwelgte – und doch immer wieder die stillen Momente suchte. Die auf 1’000 Exemplare limitierte Collector’s Edition wurde zudem von Sophia Loren persönlich signiert. Nur schon bei der Vorstellung tut uns dabei das Handgelenk weh.
Alfred Eisenstaedt, „Sophia by Eisenstaedt“, Taschen, 268 Seiten, ca. 850.—, taschen.com

Die Collector’s Edition von „Sophia by Eisenstaedt“ gibt’s hier.
Fotos: © pa picture alliance
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